Autobiographie

(Auszug)

 

„Was sollen Oquekas bloß ohne mich machen?“ Mit dieser berechtigten Frage auf den Lippen hatte sich Frieda, unser „Mädchen“ im Jahr 1961 aus dem Leben verabschiedet. Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, sie sei vorsätzlich gestorben; von einem Motorrad überfahren zu werden, kann jedem geschehen. Aber der Zeitpunkt war durchaus passend. Es war das Jahr, in dem der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat, in dem wir lebten, eine Mauer um sich zog, und Frieda, eine Hausangestellte, war ein lebendiges Fossil aus einer anderen, längst untergegangenen Epoche.

Frieda hatte schon im Haushalt meines Großvaters, des Herrn Sanitätsrats, gedient, und ihre hauptsächliche Aufgabe war die Betreuung meiner Mutter gewesen. Mit dem Tod der Großeltern hatte meine Mutter nicht nur das stattliche Haus, das der Herr Sanitätsrat nach seinen Bedürfnissen um 1900 herum hatte bauen lassen, sondern auch Frieda geerbt. Das klingt wie Leibeigenschaft, ist aber zugleich weniger und mehr als diese. Selbstverständlich war Frieda ein freier Mensch, der jederzeit hätte gehen können, so wie umgekehrt ihr jederzeit hätte gekündigt werden können. Aber diese Überlegung ist theoretisch. Frieda war Teil der Familie. In Gestalt meines drei Jahre älteren Bruders und meiner zog sie nun schon die zweite Generation groß. Wir Kinder trieben unseren Schabernack mit ihr, und sie ließ, wenn wir alljährlich in Urlaub fuhren, von ihrem Ersparten unsere Zimmer herrichten. Schwer zu sagen, wer mehr Freude hatte, wir an den neuen Tapeten oder Frieda an der Überraschung. Trotz aller Vertrautheit und gegenseitigen Zuneigung, konnte Frieda eine Grenze nie überspringen: Sie weigerte sich hartnäckig und erfolgreich, ihre Mahlzeiten zusammen mit uns einzunehmen. Meine Mutter konnte mit Engelszungen reden. Es war nichts zu machen: Dienstboten am Tisch der Herrschaft, das passte nicht in ihr Weltbild, ein Weltbild, das seine entscheidende Prägung noch zu Kaisers Zeiten erfahren hatte. Nur hatte sich die Welt unterdessen weiter gedreht. Ein tausendjähriges Reich war ins Land gegangen und statt Herrschaften und Dienstboten gab es nur noch Genossen. An Frieda war dieser Wandel unbemerkt vorbeigezogen. Eine köstliche Vorstellung, wie Frieda es sich hätte abringen müssen, verbunden mit einem höflichen Knicks „Guten Abend, Genosse Sanitätsrat“ zu sagen.

Wilhelm I. hat einmal mit Blick auf Bismarck bekannt: „Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein“. In gewisser Weise hatte Frieda auch etwas von Bismarck. Ihr Weltverständnis prägte die Atmosphäre meiner Kindheit. Sie in unserem Familiengrab zu bestatten, war das letzte, was wir für sie tun konnten, denn sie gehörte zur Familie.

Friedas plötzlicher Tod war das erste große Verlusterlebnis meines Lebens. Und er war nicht der einzige Paukenschlag in diesem Jahr.